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10.07.2026 - Bereitschaftspflege: Bei Anruf zur Stelle für Kinder in Not


Sie ist gelernte Mediengestalterin, hatte jedoch schon immer ein Herz für Kinder, arbeitete als Tagesmutter und entdeckte schließlich die Bereitschaftspflege für sich. Cindy gibt Kindern in schwierigen Lebenssituationen fachlich fundiert und zeitlich befristet einen Schutzraum – mit Unterstützung des Salberghauses.

Unbeschwert spielen und Neues entdecken.
 

Die Bereitschaftspflegekinder werden bei Cindy kreativ und vielfältig gefördert.
Rosa Kinderhausschuhe trippeln über den Boden. Es hat an der Haustür geläutet und dieses kurze, aber unmissverständliche Geräusch versetzt Mia* in große Vorfreude. Besuch ist da. Die Zweieinhalbjährige strahlt über das ganze Gesicht und wird mit einem „Du bist ja groß geworden.“ begrüßt. Ihre Antwort folgt prompt: „Du auch.“

Mia ist ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen. Alles, was in ihrer Umgebung passiert, nimmt sie genau wahr. Sei es das vorbeifahrende Auto vor dem Fenster oder das Klappern eines Gegenstandes, der weiter oben im Haus umgefallen ist. Sie spielt konzentriert am Boden und jubelt sich selbst zu, wenn sie es wieder einmal geschafft hat, eine Kugel der Magnettafel in das richtige Feld zu befördern. Ihre blonden Löckchen wippen bei jedem Freudenschrei mit und ihre klare Stimme erfüllt den Raum.

„Mia war das letzte Puzzlestück und hat unsere Familie komplett gemacht. Wir fühlen uns vollständig mit ihr“, erzählt Cindy und schaut liebevoll auf ihre Pflegetochter. Seit 15 Jahren nimmt sie als Bereitschaftspflegekraft Kinder bei sich auf, die wegen akuter Krisen schnell einen sicheren Ort und Geborgenheit benötigen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, bei der sie seit drei Jahren fachlich durch das Salberghaus in Putzbrunn begleitet wird, einer entwicklungstherapeutischen Einrichtung für Kinder von null bis sieben Jahren der Katholischen Jugendfürsorge München und Freising.

Mia kam direkt nach der Geburt zu Cindy und ihrer Familie. „Um 13:30 Uhr wurde ich vom Salberghaus angerufen, um 16 Uhr war ich in der Klinik und um 21 Uhr kehrten wir mit Mia nach Hause zurück“, erinnert sie sich. Eigentlich wollte die leibliche Mutter eine anonyme Geburt, hat sich im Nachhinein aber doch noch die Zeit genommen, um sich von ihrer Tochter in Ruhe zu verabschieden. „Ich habe sie zwar ein paar Mal in Umgängen gesehen, sie allerdings nie nach den genauen Gründen gefragt, warum sie Mia nicht behalten wollte“, berichtet Cindy. „Sie war sehr in sich gekehrt und hat wenig gesprochen. Sie hat nur zu mir gesagt, dass es die schwierigste Entscheidung ist, die sie jemals treffen musste. Wenn sie nach dem Herzen gehen würde, würde sie Mia sofort behalten, aber der Verstand sagt, es sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.“

„Bei mir hat jeder eine Chance verdient“

Dabei beließ es Cindy und bohrte nicht weiter nach. Sie verurteilt die leibliche Mutter nicht. Durch die vielen Jahre der Bereitschaftspflege kann sie gut differenzieren: „Das eine ist der Mensch, das andere ist das, was er getan hat. Ich kann mich gut abgrenzen und offen auf die Herkunftseltern zugehen. Bei mir hat jeder eine Chance verdient. Es ist für mich kein Konkurrenzverhalten. Ich sage den Kindern immer: ‚Das sind deine Eltern und das werden sie bleiben.‘“

Auch Mia möchte sie das später einmal erklären. Sie ist mittlerweile als Dauerpflegekind bei Cindy. Genauso wie die siebenjährige Ella*, deren leibliche Mutter verstorben ist. Zu dem Rest ihrer Herkunftsfamilie besteht weiterhin Kontakt. Dass Kinder als Dauerpflegekind in ihrer Bereitschaftspflegefamilie bleiben, ist allerdings ein absoluter Ausnahmefall. „Wir haben 2011 mit der Bereitschaftspflege angefangen und hatten in den ersten sieben Jahren zwölf Kinder bei uns. Ella war das 13. Kind und das erste, das für eine Dauerpflege in unsere Familie gepasst hat – und vor zweieinhalb Jahren kam Mia noch dazu.“ Für Cindy aber kein Grund, mit der Bereitschaftspflege aufzuhören. Erst vor kurzem war wieder ein Baby dreieinhalb Monate lang bei ihr untergebracht.

Die Bereitschaftspflegekinder sollen sich sicher und geborgen fühlen.
 

Cindy will ihnen ein wenig Resilienz mitgeben.
 

Sie werden gut in den Familienalltag integriert.
Doch ihre Kernfamilie steht: mit zwei leiblichen Kindern, die bereits 23 und 18 Jahre alt sind, Mia, Ella und natürlich ihrem Mann. Jeder in der Familie bekommt seine Rückzugszeiten. Cindy trifft sich mit ihren besten Freundinnen oder kümmert sich um ihr Pony. Ihr Mann fährt zum Ausgleich Fahrrad. Außerdem gehen sie als Paar regelmäßig abends gemeinsam essen. „Und natürlich achten wir sehr darauf, dass unsere Kinder weiterhin ihren Raum haben. Wir versuchen, die Bereitschaftspflegekinder gut zu integrieren, aber unsere Kinder müssen deswegen nicht zurückstecken“, betont Cindy. „Ich habe sogar eher das Gefühl, dass unsere Kinder Fortschritte machen, wenn Bereitschaftspflegekinder da sind. Mia hat bei dem Baby zum Beispiel wahnsinnig viel Sozialkompetenz gelernt. Sie war so fürsorglich, hat ihm ein Spielzeug hingelegt, hat es zugedeckt. Das kann ich ihr gar nicht beibringen. Das können Kinder nur mit Kindern lernen.“

„Man kann die emotionalen Löcher nicht stopfen“

Leider gibt es nicht nur positive Lernerfahrungen: „Die Motivation für die Bereitschaftspflege ändert sich mit der Zeit“, räumt die 48-Jährige ein. „Am Anfang denkt man wirklich, man rettet Kinder. Man gibt Liebe, Liebe, Liebe, aber man kann die emotionalen Löcher nicht stopfen und die Kinder nicht heilen. Manche Traumata sind so groß, dass man die Kinder nur begleiten und ihnen ein wenig Resilienz mitgeben kann. Das war der schlimmste Punkt, das zu erkennen.“ Umso mehr bauen Cindy die kleinen Momente auf. „Das Neugeborene, das zuletzt hier war, hatte eine Anpassungsstörung, weil es wahrscheinlich auf Entzug war. Als es diesen hinter sich hatte, fing es an, sich zu entwickeln. Diesen Prozess mitzuerleben, das ist schon schön. Da merkt man, dass die eigenen Bemühungen doch ein wenig Früchte tragen.“

Für Cindy muss eine Bereitschaftspflegekraft vor allem realistisch und belastbar sein. Und darüber hinaus? „Man muss andere Meinungen zulassen können und sich selbst ein wenig zurücknehmen. Ich bin nur dafür da, dass es dem Kind gut geht. Die Entscheidungen treffen die Fachleute und die wissen schon, was sie tun“, führt Cindy aus. „Selbst bei Mia habe ich immer gesagt: Wenn das Jugendamt entscheidet, dass sie in eine andere Dauerpflegefamilie wechseln soll, werde ich mich nicht querstellen.“

Eine bewundernswerte Einstellung, die zugleich von einer hohen Professionalität zeugt. „Wir sind jeden Tag dankbar, dass Mia und Ella ihren Weg zu uns gefunden haben. Es sind genau die Richtigen.“ Für die Zukunft der beiden Mädchen hat Cindy einen großen Wunsch: „Dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen und nicht irgendwann in diese Trauer fallen, wer sie sind und woher sie kommen. Sie sollen stattdessen sagen können: ‚Das war schön in der Pflegefamilie.‘ Oder besser noch: ‚Das ist meine Familie.‘“

Text und Fotos: Nicole Stroth/KJF
*Name von der Redaktion geändert

Interview: Über Ziele und Herausforderungen der Bereitschaftspflege

   
Bis zu zehn Bereitschaftspflegefamilien werden durch das Salberghaus in Putzbrunn beraten und begleitet. Sie bieten Säuglingen und Kleinstkindern einen sicheren Ort und eine stabile emotionale Bindung. Und sie schaffen Zeit, um Perspektiven zu klären. Ein Interview mit Tina Löser, Teamleiterin der Bereitschaftspflege.
Wann wird ein Kind in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht?
Das passiert immer dann, wenn das Kindeswohl akut gefährdet ist, wenn es in seiner Familie nicht gesund aufwachsen kann, weil seelische oder körperliche Misshandlungen vorliegen. Kindertagesstätten oder Nachbarn beispielsweise melden ihre Beobachtungen dem Jugendamt und dieses prüft und schätzt ein, ob eine Kindeswohlgefährdung und Handlungsbedarf bestehen. Ganz selten kommt es vor, dass sich die Herkunftseltern von sich aus Hilfe suchen und sagen, dass sie überfordert sind.

Wie lange leben Kinder in der Regel in Bereitschaftspflegefamilien?
Die Inobhutnahme ist auf ein halbes Jahr angelegt. In dieser Zeit sollen die Perspektiven für das Kind geklärt werden. Das ist die Theorie, die Praxis sieht jedoch anders aus. Meistens leben die Kinder deutlich länger als ein halbes Jahr bei den Bereitschaftspflegefamilien. Das liegt zum Beispiel an fehlenden Dauerpflegefamilien oder auch an den zu erstellenden Gutachten, die von den Gerichten eingefordert werden und sehr lange brauchen. Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn ein Kind ein bis eineinhalb Jahre bei der Bereitschaftspflegefamilie bleibt. Das ist eine schwierige und nicht förderliche Entwicklung, denn das Kind bindet sich dadurch mehr an die Bereitschaftspflegefamilie.

Was ist das Ziel der Bereitschaftspflege?
Das Ziel ist, dass sich das ganze System etwas beruhigen kann. Die Eltern können sich um ihre Probleme kümmern und das Kind erlebt eine sichere Bindung. In manchen Fällen geht es einfach darum, dass die Kinder regelmäßig essen, schlafen und saubere Kleider erhalten. Denn in manchen Familien herrscht eine solche Verwahrlosung, dass nicht einmal die Grundversorgung gewährleistet ist. Währenddessen klären wir im Hintergrund ab, wie es für das Kind am besten weitergehen kann.
Was wären da die verschiedenen Optionen?
Es gibt Kinder, die anschließend sehr gut in einer Dauerpflegefamilie aufgehoben sind. Oft haben wir Wechsel in eine Mutter-Kind-Einrichtung. Manchmal ist für das Kind eine Folgeeinrichtung die beste Option – wie zum Beispiel eine Unterbringung in einer therapeutischen Wohngruppe direkt bei uns im Salberghaus. Auch Rückführungen in die Herkunftsfamilien kommen vor. Das Salberghaus legt großen Wert auf eine intensive Elternarbeit. Das ist unser Steckenpferd – und wir merken: Wenn man da viel investiert, werden die Perspektiven leichter.

Und wie leicht oder schwer ist es, geeignete Bereitschaftspflegekräfte zu finden, gerade um diesen zeitlichen Raum für Perspektiven zu schaffen?
Das ist sehr schwer, denn als Bereitschaftspflegekraft muss man ausgesprochen flexibel sein. Die Kinder sind oft traumatisiert, wenn sie in Obhut genommen werden. Sie weinen viel, schlafen schlecht, brauchen viel Zuwendung. Das bedeutet, dass die Bereitschaftspflegekraft rund um die Uhr für dieses Kind da sein muss. Außerdem dürfen die Herkunftsfamilien bis zu dreimal in der Woche zu Elternbesuchen ins Salberghaus kommen. Diese werden von den Bereitschaftspflegekräften begleitet. Das ist ein hoher Zeitfaktor.
Was sind für die Bereitschaftspflegefamilien die größten Herausforderungen?
Bereitschaftspflegefamilien müssen in der Lage sein, das Kind, auch wenn es einem ans Herz gewachsen ist, wieder loslassen zu können – manchmal sogar in eine Perspektive, mit der man selbst vielleicht gar nicht so einverstanden ist. Eine zweite Herausforderung sind die Besuche der Herkunftseltern. Die Kinder haben eine schwierige Vorgeschichte. Diese müssen die Bereitschaftspflegekräfte teilweise ausblenden können, um trotzdem gut mit den Herkunftseltern zusammenzuarbeiten.

Die Kinder haben von Anfang an einen schweren Rucksack mitbekommen. Die Aufgabe der Bereitschaftspflegekräfte ist es, diesen Rucksack mit positiven Erfahrungen, viel Liebe und dem Gefühl einer sicheren Bindung zu füllen. Das ist eine große, aber zugleich erfüllende Herausforderung.

Interview: Nicole Stroth/KJF, Foto: Salberghaus
beide Texte erschienen
 im KJF-Magazin 3/2026
 
Fachlicher Input und konkrete Hilfe 
Das Salberghaus ist für die Bereitschaftspflegekräfte ständiger Ansprechpartner. Das Team begleitet Arztbesuche oder Behördentermine und bietet Supervisionen an. Außerdem treffen sich die Bereitschaftspflegekräfte regelmäßig im Salberghaus, um die unterschiedlichsten pädagogischen Themen fachlich zu besprechen.